Veröffentlicht am 07.09.2022

Wo ist die eierlegende Wollmilchsau?

Vielerorts ist der Fachkräftemangel in Unternehmen durch die Arbeitgeber hausgemacht. Um neue Chancen zu nutzen und die passenden Mitarbeiter zu finden, müssen eingefahrene Denkmuster und unflexible Auswahlkriterien aufgebrochen werden.

Lesen Sie in diesem Artikel:

  • Tradierte Auswahlkriterien führen nicht zum Erfolg
  • Eingefahrene Denkmuster aufbrechen
  • Potenzial, Persönlichkeit, Motivation und Lernfähigkeit zählen
  • Fachliche Lücke kann ausgeglichen werden
  • Genügend Fachkräfte am Markt

Diese Ausgabe unseres Blogbeitrags ist diesmal als Kolumne oder als Kommentar angelegt. Es geht um ein Thema, das uns in unserem Arbeitsalltag fast täglich begegnet und in letzter Zeit häufig in den sozialen Netzwerken (vor allem auf LinkedIn) diskutiert wurde.

Der Fachkräftemangel wird zu einem wachsenden Problem in Deutschland. In fast allen Branchen wird händeringend nach Lösungen gesucht. Dabei geht es immer wieder um Fragen wie: Wo sind die Fachfrauen und Fachmänner, die fast überall benötigt werden? Wie viele Kompromisse muss ich eingehen, um eine Stelle zu besetzen? Ich sage: „Ja, wir haben einen Fachkräftemangel in Deutschland, aber vielerorts ist er hausgemacht, weil Talente verschmäht werden, die nicht zu 100 Prozent auf die in der Stellenausschreibung erwähnten Kriterien passen.“

Männlich, ungebunden und flexibel

Ach, wäre das schön, wenn man eine Fachkraft fände, die einen Hochschulabschluss hat, über mehrere Jahre Berufserfahrung verfügt – und zwar in der Branche, in der der potenzielle Arbeitgeber zu Hause ist. Dabei sollten die Karriereschritte möglichst logisch aufeinander aufbauen. Die gesuchte Person sollte fließend Englisch sprechen, Führungsqualitäten vorweisen, keine hohen Gehaltsvorstellungen haben – und männlich, ungebunden und total flexibel sein.

Vertane Chancen

An dieser Stelle schütteln Sie wahrscheinlich den Kopf und sagen, dass so ein Bewerber wie ein Lottogewinn wäre und die Beschreibung komplett meiner Fantasie entsprungen sei? Damit haben Sie recht und unrecht zugleich. Und nein, diese Beschreibung ist nicht ausgedacht. Es gibt immer noch viele Arbeitgeber, die den Wunsch äußern, genau so eine Fachkraft zu finden. Die Realität sieht allerdings anders aus. Fachkräftemangel und demografischer Wandel haben die Arbeitswelt massiv verändert, das verdrängen jedoch viele Unternehmen. Tatsache ist: Es wird in den kommenden Jahren immer schwerer werden, mit tradierten Auswahlkriterien Stellen zu besetzen. Dadurch werden Chancen vertan, effektive Lösungen für offene Stellen und Aufgaben zu finden, die letztendlich auf das Unternehmen einzahlen, es voranbringen und vor allem zukunftssicher machen.

Eingefahrene Denkmuster aufbrechen

Gerade Deutschland zählt zu den Ländern, in denen die Suche nach der idealen Kandidatin oder dem idealen Kandidaten meist unter engen Auswahlkriterien gängig ist. Eine Abweichung von der Norm wird häufig nicht zugelassen. Nach wie vor laden viele Arbeitgeber nur jene Bewerbenden ein, die wirklich alle Kriterien der Stellenausschreibung erfüllen. Wird die ideale Kandidatin oder der ideale Kandidat nicht gefunden, bleibt die Stelle oftmals über Monate, manchmal Jahre, unbesetzt. Der klassische Erfolgskandidat? Eben genau die Person, die ich eingangs beschrieben habe. Mein Rat? Unternehmen sollten diese eingefahrenen Denkmuster bei der Personalauswahl überprüfen. Denn allzu feststehende Kriterien schließen bestimmte Jobanwärter:innen per se aus und schränken damit die Auswahl im Vorhinein stark ein. Das heißt, die von den Arbeitgebern oft geforderte Flexibilität sollten sie auch selbst beherzigen.

Anstatt nur auf Branchenkompetenz und Abschlüsse zu beharren, sollten viele Arbeitgeber bei den Kandidat:innen stärker auf Potenzial, Persönlichkeit, Motivation und Lernfähigkeit setzen. Deshalb gibt es ja beispielsweise Persönlichkeitstests wie den Predictive Index, der arbeitsbezogenes Verhalten, Potenzial, Motivation und Arbeitszufriedenheit erfasst. Und deshalb gibt es auch uns, die Personalberatungen, die zwischen den Bewerbungszeilen lesen und Potenziale erkennen können. Wir sind geschult, verborgene Talente und Eigenschaften zu erkennen. Wir können neue Wege aufzeigen, wenn sich unser Auftraggeber darauf einlässt, uns zu vertrauen, die passende Persönlichkeit zur ausgeschriebenen Position zu finden.

Wir sind überzeugt, dass es – trotz der aktuellen schwierigen Arbeitsmarktsituation – genügend engagierte Talente und erfahrene Expert:innen gibt – aber vielleicht hat diese Person keinen Hochschulabschluss, kommt aus einer anderen Branche, ist älter als 45 Jahre, oder eine alleinerziehende Mutter.

Persönlichkeit vor fachlicher Perfektion

Häufig wird sich im Auswahlprozess an den fachlichen Kriterien festgeklammert, weil es oberflächlich gesehen leichter erscheint, so die richtige Wahl zu treffen. Ich war von jeher davon überzeugt, dass eine lernbereite, hoch motivierte und engagierte Persönlichkeit eine fachliche Lücke ausgleichen kann. Denn das fachliche Know-how in unserer von der Digitalisierung geprägten Zeit verändert sich ständig. Noch nie war lebenslanges Lernen so wichtig wie heute. Dabei geht es nicht darum, dass die Kandidat:innen alles erlernen sollen, sondern nur darum, minimale Defizite auszugleichen.

Arbeitgeber sollten zudem eins bedenken: Wer Menschen eine echte Chance gibt, erhält etwas ganz Entscheidendes zurück: Commitment. Diese Mitarbeitenden sind dem Unternehmen gegenüber häufig loyaler, engagierter und neigen weniger dazu, es zu verlassen.

Kandidat:innen bewerben sich beim Unternehmen und vice versa

Darüber hinaus sollten auch Unternehmen achtgeben, wie sie auftreten. Die Kandidat:innen sind besser informiert und haben andere Vorstellungen von einem idealen Arbeitgeber als noch vor ein paar Jahren. Sicher, ein gutes Gehalt und interessante Benefits locken nach wie vor Bewerber:innen an, aber eine authentische New-Work-Strategie und echter Purpose spielen heutzutage bei vielen Arbeitnehmer:innen ebenso eine bedeutende Rolle.

Laut einer Studie von Kienbaum und Human Unlimited erachten 93 Prozent der Befragten es als wichtig, dass Unternehmen für sich eine „Daseinsberechtigung“ definieren. Drei Viertel der befragten Führungskräfte berichten von einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit, nachdem im Unternehmen ein neuer Purpose eingeführt wurde. Rund zwei Drittel verweisen auf positive Veränderungen bei der Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität. Das gelingt aber nur, wenn dieser Purpose auch gelebt wird.

Das Gleiche gilt für die New-Work-Strategie. Homeoffice nur an bestimmten Tagen anzubieten oder Weiterbildungen einfach vorzugeben und nicht mit den Mitarbeitenden abzusprechen, ist zum Beispiel sehr weit weg von einer modernen Unternehmensführung und wird von den Arbeitnehmer:innen schnell durchschaut.

Warum erzähle ich das an dieser Stelle? Kennen Sie den Spruch „Man kann nicht nicht kommunizieren“? Genauso verhält es sich mittlerweile im Auswahlprozess. Arbeitgeber, die davon überzeugt sind, dass sich bei einem Interview nur die Kandidat:innen beim Unternehmen bewerben, haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Bei jedem Vorstellungsgespräch wird auch immer das Unternehmen durch die Kandidatin oder den Kandidaten geprüft. Denn aufgrund des Fachkräftemangels befinden sie sich oftmals am längeren Hebel. Wer sich das bewusst macht, begegnet den Bewerber:innen auf Augenhöhe und entdeckt vielleicht das eine oder andere überraschende Talent. Wir helfen Ihnen gerne dabei!