Veröffentlicht am 05.07.2023
Erkenne deine Zielgruppe und schaue in benachbarte Branchen
Der Fachkräftemangel ist ein Dauerthema in Deutschland. Es werden viele Wege ausprobiert, um Positionen adäquat zu besetzen – und doch scheint die Bewältigung dieser Herausforderung ein Fass ohne Boden zu sein. Fast jede Branche hat Probleme, freie Stellen zu besetzen. Es fehlen Pflegekräfte und Ärzt:innen, IT-Spezialist:innen, Servicepersonal in der Gastronomie, Handwerker:innen etc. Was tun? Woher sollen die fehlenden Fachkräfte kommen?
Lesen Sie in diesem Artikel:
- Personalakquise und -auswahl müssen neugestaltet werden
- Zielgruppen genau analysieren
- Von starren Anforderungskriterien abweichen
Ende Juni hat der Bundestag nun das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz verabschiedet. Die Bundesregierung erhofft sich so, jährlich etwa 75.000 zusätzliche Arbeitskräfte zu gewinnen.
Auch wir in der Personalberatung sind fast täglich mit dem Thema konfrontiert und damit beschäftigt, für unsere Mandat:innen geeignete Fach- und Führungskräfte oder die richtige Nachfolgeregelung im Unternehmen zu finden. Annette Wodzak-Littig, Geschäftsführerin der Wodzak.Littig Personalberatung, nimmt Stellung zu Fragen, die uns alle aktuell im Bewerber:innen-Management und im Recruiting beschäftigen. Teil 1 des Interviews.
In fast jeder Branche werden Fachkräfte händeringend gesucht. Ist die Lage wirklich so aussichtslos, wie sie scheint? Oder wird die Arbeitsmarktlage von den Medien übertrieben dargestellt?
Annette: Ja und Nein. Ja, weil sich der Fachkräftemangel wirklich durch fast alle Branchen hindurchzieht. Auch wenn es tatsächlich noch immer Menschen gibt, die diese Tatsache herunterspielen. Der Fachkräftemangel ist real, und wir alle müssen uns damit auseinandersetzen. Denn jeder bzw. jede ist direkt oder indirekt davon betroffen. Und nein, die Arbeitsmarktsituation ist keineswegs aussichtslos. Aber die Unternehmen müssen etwas tun! Es gilt, bestimmte Dinge neu zu betrachten und zu bewerten. Die Personalakquise und -auswahl sollte neugestaltet werden, dann haben die Unternehmen in Deutschland durchaus Chancen, an gutes Personal heranzukommen. Aber wie gesagt: Die Unternehmen müssen ihre bisherige Vorgehensweise in der Stellenbesetzung ändern.
Und wie? Wo findet man die fehlenden Fachkräfte?
Annette: Es geht nicht um das Wo, denn das Fachpersonal ist schon da! Es geht eher um das Wie. Die Unternehmen müssen heutzutage Fachkräfte auf eine andere Art und Weise ansprechen als früher. Und sie sollten sich immer fragen: Sprechen wir wirklich die richtigen Personen an?
In der Vergangenheit lief die Stellenbesetzung in der Regel folgendermaßen ab: Die Unternehmen haben sich überlegt, welche Stelle sie besetzen möchten und daraufhin eine Stellenanzeige geschaltet – meist in Printmedien, und wenn sie modern ausgerichtet waren, dann wurde die Anzeige auch noch online gestellt. Aber nur wenige Unternehmen haben sich ernsthaft damit beschäftigt, wie ihre Zielgruppe eigentlich aussieht, welche Bedürfnisse sie hat und wo sie zu finden ist.
Halten Unternehmen manchmal zu starr an ihren Anforderungskriterien fest und verbauen sich damit neue Wege, geeignete Kandidat:innen zu finden?
Annette: Auf jeden Fall. Noch immer fragen sich zu wenige Unternehmen bei der Personalsuche, ob die gesuchten Fachkräfte wirklich unbedingt alle Anforderungskriterien erfüllen müssen. Oder ob es nicht besser, sprich effektiver wäre, auch Personen anzusprechen, die vielleicht nicht auf Anhieb dem klassischen Bild der zu besetzenden Position entsprechen, die sich aber mit Engagement und einer gewissen Einarbeitung in dieser Aufgabe beweisen könnten. In meinem Job sehe ich immer wieder, dass wir im Laufe des Auswahlprozesses vom ursprünglichen Anforderungsprofil abweichen und trotzdem sehr gute Personallösungen für die Unternehmen finden.
Was sollten Unternehmen intern tun, um sich für neue Möglichkeiten bei der Besetzung einer Stelle zu öffnen?
Annette: Grundvoraussetzung ist, dass sich Unternehmen überhaupt mit ihrem Personalmarkt und seinen Entwicklungen und Trends auseinandersetzen. Meist erfolgt dies nur recht oberflächlich, nämlich indem sie sich ganz allgemein über das Thema Fachkräftemangel informieren. Effektiver wäre es, sich mit Fragen zu beschäftigen wie: Woher kommen die Personen, die zu meinem Unternehmen passen? Welche angrenzenden Branchen sind für mich interessant und kommen als potenzielle Quelle interessanter Fachkräfte infrage? Wie kann ich bestimmte Personen, zum Beispiel unabhängig von ihrem Alter und Erfahrungshintergrund, ansprechen? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich die Unternehmen leider viel zu wenig. Das gilt nicht nur für den Personalbereich, sondern auch für die Fachabteilungen und die Geschäftsführungsebene.
Im zweiten Teil des Interviews zeigt Annette Wodzak-Littig, dass sich auch die Einstellungsgespräche ändern und sich dem Zeitgeist anpassen sollten, ältere Bewerber:innen nicht zum alten Eisen gehören und die Gen Z weder arbeitsscheu noch unselbständig ist. Auch hier gilt, wenn Unternehmen agiler werden und nicht starr an traditionellen Einstellungskriterien festhalten, eröffnen sich ihnen neue Zielgruppen.
Vorheriger Blog-Artikel:
KI in der Personalarbeit: Bedrohung oder nützliche Unterstützung?