„Wir benötigen ein vollkommen neues Verständnis von Arbeit“

Wie wir bereits auf unseren Social-Media-Kanälen berichtet haben, waren wir am 7. März auf dem Kongress New Work Experience in der Hamburger Elbphilharmonie. Insgesamt kamen 1.800 Teilnehmer und 50 nationale sowie internationale Redner in dem beeindruckenden Konzerthaus zusammen, um über Themen wie Flexibilität, Diversität, Demokratie und Individualität im Arbeitsleben zu sprechen. Teilweise war der große Saal bis fast unter das Dach gefüllt.

Wir hatten die Qual der Wahl, denn auf dem Programm standen rund 40 Vorträge und Workshops. Der Veranstalter, das Business-Netzwerk Xing, hatte hochkarätige Redner geladen: Unter anderem New-Work-Pionier Ricardo Semler, der belgische Organisationsentwickler Frédéric Laloux, der Autor und Unternehmer Sascha Lobo und Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer berichteten über neue Arbeitskonzepte und Führungsmethoden.

Ein zentraler Punkt in den Vorträgen war die Weiterentwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern. „Lernen ist ein universeller Prozess. Wer nicht mehr lernt, verliert die Lust am Leben. Das gilt auch für das Arbeiten“, mahnte Gerald Hüther. Der Neurobiologe eröffnete mit seinem Vortrag „Die Wiedererweckung der Intentionalität und Co-Kreativität“ den Kongress. Seinen Aussagen zur Bedeutung von Bildung, Lernen und Gestalten stimmte auch Kathrin Menges, Personalvorstand bei Henkel zu (2011 wurde sie als erste Frau -in den Konzernvorstand berufen). Sie betonte: „Lernen steht als permanente Aufgabe im Vordergrund.“ Und Sascha Lobo kündigte sogar an: „Arbeit und Bildung werden künftig bis zur Ununterscheidbarkeit verschmelzen.“

Ein weiteres wichtiges Thema, das die komplette Veranstaltung überstrahlte, war die Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Bereits heute beeinflussen Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung die Arbeitsprozesse. Zum einen werden sie in bestimmten Branchen die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen und ihnen diese erleichtern. Zum anderen werden sie Tätigkeiten komplett übernehmen, die bislang von Menschen erledigt werden. Das sorgt für Unsicherheit bei den betroffenen Arbeitnehmern. Hier seien die Unternehmen gefragt, Lösungen zu finden. Mitarbeiter sollten aufgrund dieser Entwicklung nicht entlassen werden, sondern andere Aufgaben erhalten, so Kathrin Menges.

Die Digitalisierung ermöglicht aber auch eine Art zu arbeiten, die sich die Mehrheit der Deutschen mittlerweile wünscht: flexibles Arbeiten zu jeder Zeit, an jedem Ort. Nun, korrekterweise muss man sagen: an fast jedem Ort. Denn der Breitband-Ausbau lässt hierzulande nach wie vor zu wünschen übrig. Vor allem Digital-Experte Sascha Lobo verwies auf die „desolate digitale Infrastruktur Deutschlands, die seit mehr als 30 Jahren bekannt ist“ und forderte die Politik auf, endlich zu handeln. In diesem Zusammenhang sprach er von der „Ökonomie der Datenströme“. Auch vielen Entscheidern mache die Entwicklung Angst. „Wie müssen viel offener über die Angst vor dem Wandel sprechen“, appellierte Lobo. Wie wir wissen, sind die Änderungen nicht aufzuhalten, aber wir können bestimmen, wie wir damit umgehen.

 

New Work Award 2019

Neben jeder Menge Diskussionsstoff gab es auch Good-Practice-Beispiele aus der Arbeitswelt: Im Rahmen der Kongress New Work Experience verlieh Xing zum sechsten Mal den New Work Award. Insgesamt wurden mehr als 200 Bewerbungen in den Kategorien „Unternehmen/Institutionen“, „Teams“ und „New Worker“ (Einzelpersonen) eingereicht. Nachdem zunächst eine elfköpfige New Work-Jury eine Shortlist erstellt hatte, entschied die Online-Community mit mehr als 30.000 abgegebenen Stimmen die finale Wahl.

In der Kategorie „Unternehmen/Institutionen“ überzeugte die Agentur Rheingans Digital Enabler. Beim Geschäftsmodell der Bielefelder geht es um eine ausreichende Work-Life-Balance und effektives Arbeiten. So hat Rheingans den Fünf-Stunden-Arbeitstag eingeführt ‒ bei gleichem Gehalt und Urlaubsanspruch. Konkret heißt das: Die tägliche Arbeitszeit von 8 bis 13 Uhr wird intensiv genutzt. Dabei arbeiten alle Mitarbeiter selbstorganisiert. Laut Rheingans werden Meetings möglichst kurz und hochkonzentriert durchgeführt, Störfaktoren wie Smalltalk oder Smartphone-Nutzung werden vermieden.

In der Kategorie „Teams“ holte sich Bosch den ersten Platz: Mit der Initiative „Working Out Loud“ entstand die bislang größte Graswurzelbewegung in der Unternehmensgeschichte. Ein Team wechselt basierend auf den aktuellen Aufgaben in seiner Zusammensetzung und arbeitet fast ausschließlich virtuell, offen und transparent zusammen. Dabei bewirke die „WOL-Methode“ nicht nur eine Intensivierung der internen Vernetzung, sondern auch eine Steigerung von Selbstorganisation und Selbstbestimmung seitens der Mitarbeiter, so die Jury.

In der Kategorie „New Worker“ holten sich drei Einzelpersonen den Award. Zum einen Dalia Das, Gründerin der Schule für digitale Talente „neue fische“, die sich dem Fachkräftemangel in der IT-Branche angenommen hat. Mehr als 15 Jahre arbeitete die Wahl-Hamburgerin mit indischen Wurzeln für Unternehmen wie AOL Europa und dem Bertelsmann Konzern in der Geschäftsentwicklung sowie für einen US-amerikanischen Bildungs-Fond mit Fokus auf Investitionen in innovative Bildungs– und Personalgewinnungsmodelle. Ebenfalls ausgezeichnet wurde in dieser Kategorie Peter-Georg Lutsch. Er ist Mitgründer der Plattform Sidepreneur.de, die sich an Erwerbstätige richtet, die nebenberuflich ein eigenes Business aufbauen oder als Freelancer an ihrer Geschäftsidee oder einem Produkt arbeiten. Eine weitere Auszeichnung „New Worker“ ging an Georg Gastgeiger. Mit seinem 400 Jahre alten Bauernhof-Ensemble, dem Mesnerhof-C, hat er ein sogenanntes New Work Retreat in den österreichischen Alpen etabliert.

Ferner verlieh die Jury einen Sonderpreis: Dr. Frederik G. Pferdt (Chief Innovation Evangelist bei Google), Nina Fischer (Management Coach), Frederik Frede (Co-Founder Freunde von Freunden & MoreSleep) und Matthias Wesselmann (Vorstand fischerAppelt). Das Team hat einen Design-Prozess entwickelt, mit dem man eigene Rituale für den Wandel entwickeln und implementieren kann. Unter dem Namen „Rituals for Change“ veranstalten die Vier Workshops. „Gemeinsam co-kreieren wir mit allen Teilnehmern neue Rituale, um Wandel zu gestalten und bringen Menschen in der Community des Wandels zusammen“, heißt es auf ihrer gemeinsamen Facebook-Seite.

 

Unser Fazit für den Kongress-Tag

Die New Work Experience ist für alle relevant, die sich mit Themen wie Mitarbeiterführung, Recruiting, Führungskräfte-Entwicklung und neuen Arbeitskonzepten beschäftigen. Nicht alle Vorträge lieferten neue Erkenntnisse, aber es gab jede Menge Impulse, um das Thema New Work für sich selbst neu zu beleuchten oder Prozesse aus anderen Unternehmen kennenzulernen. „Wir benötigen ein vollkommen neues Verständnis von Arbeit“ – so der Appell von Neurobiologe und Autor Rainer Hüther. Das ist auf der Veranstaltung auf jeden Fall deutlich geworden.

 

14.03.2019 Annette Wodzak-Littig

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